Gesundheitsförderung beginnt nicht immer mit einem Trainingsplan. Manchmal beginnt sie mit einer guten Frage: Wo stehe ich eigentlich gerade?
Diese Frage stand heute bei unseren „Seniorenzebras“ in der Gesundheitssportabteilung des TSV Victoria Linden im Mittelpunkt.
Wir haben den Alltags-Fitness-Test (AFT) des Deutschen Olympischen Sportbundes durchgeführt. Nicht als Wettbewerb. Nicht, um herauszufinden, wer in der Gruppe am fittesten ist. Und auch nicht nach dem Prinzip „höher, schneller, weiter“.
Sondern als persönliche Standortbestimmung:
Was kann ich? Wo liegen meine Ressourcen? Wo könnte ich etwas verändern? Und was möchte ich daraus machen?
Sechs Tests – und viel mehr als sechs Ergebnisse
Der Alltags-Fitness-Test des DOSB ist für Menschen ab 60 Jahren konzipiert. Mit sechs Testaufgaben werden körperliche Fähigkeiten erfasst, die für viele Aktivitäten des täglichen Lebens bedeutsam sind:
- Beinkraft
- Armkraft
- aerobe Ausdauer
- Beweglichkeit der unteren Körperhälfte
- Beweglichkeit der oberen Körperhälfte
- Geschicklichkeit und dynamisches Gleichgewicht
Der Test basiert auf dem amerikanischen „Senior Fitness Test“ von Rikli und Jones und wurde für Deutschland weiterentwickelt. Der DOSB stellt dafür standardisierte Test- und Auswertungsmaterialien zur Verfügung.
Die Ergebnisse können anschließend anhand alters- und geschlechtsspezifischer Referenzbereiche eingeordnet werden. Bei einer späteren Wiederholung des Tests lassen sich außerdem Veränderungen der individuellen Ergebnisse sichtbar machen.
Dabei geht es nicht um ein Fitnesszeugnis.
Normwerte und Fitnessstandards geben Orientierung. Sie können helfen, die eigene körperliche Fitness besser einzuschätzen und Ansatzpunkte für weiteres Training zu erkennen. Sie garantieren aber nicht, wie gesund, mobil oder selbstständig ein Mensch in Zukunft sein wird.
„Vielleicht lege ich noch eine Schippe drauf.“
Der für mich interessanteste Moment kam heute eigentlich nach dem Test .
Sigrid ist 67 Jahre alt. Sie fotografierte die Tabelle mit den Vergleichswerten und sagte sinngemäß, dass sie sich ihre Ergebnisse zu Hause noch einmal in Ruhe anschauen wolle. Mehr dazu im Film:
Wo stehe ich?
Und möchte ich beim Training vielleicht noch eine Schippe drauflegen?
Genau diese Reaktion finde ich bemerkenswert.
Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, dass eine Trainerin sagt: Du solltest mehr Kraft trainieren.
Sigrid hat Informationen über ihre eigene körperliche Leistungsfähigkeit bekommen. Sie möchte sie verstehen und einordnen – und anschließend selbst entscheiden, was sie daraus macht.
Das ist Gesundheitskompetenz in der Praxis.
Erfassen. Verstehen. Einordnen. Handeln.
Dieser Ablauf beschreibt einen wesentlichen Teil meiner Arbeit in der Gesundheitsförderung:
erfassen → verstehen → einordnen → handeln
Bevor ich etwas verändern kann, hilft es zu wissen, wo ich stehe.
Dann brauche ich Informationen, um das Ergebnis verstehen zu können.
Ich muss es in Bezug auf meine eigene Situation einordnen.
Und daraus kann eine Entscheidung entstehen: Möchte ich etwas verändern? Was ist für mich wichtig? Welche Ressourcen habe ich bereits? Wo möchte ich mich weiterentwickeln?
Gesundheitsförderung bedeutet deshalb für mich nicht, Menschen möglichst viele Gesundheitstipps zu geben.
Es geht darum, Gesundheitskompetenz und eigene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Gesundheit nicht nur konsumieren
Das passt zu meiner ressourcenorientierten und salutogenetischen Arbeitsweise.
Menschen sind in diesem Verständnis nicht einfach Empfängerinnen und Empfänger von Gesundheitsangeboten. Sie bringen Erfahrungen, Fähigkeiten, Wissen, Interessen und eigene Ziele mit.
Eine professionelle Begleitung kann dabei helfen, Ressourcen sichtbar zu machen, Zusammenhänge verständlich zu vermitteln und Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen.
Die Entscheidung, was daraus entsteht, bleibt beim Menschen selbst.
Auch deshalb gefällt mir Sigrids Satz mit der „Schippe“ so gut.
Nicht ich habe entschieden, dass sie mehr trainieren muss.
Sie denkt darüber nach, was sie selbst mit ihren Ergebnissen anfangen möchte.
Fitness im Alter: nicht möglichst jung – sondern handlungsfähig bleiben
Beim Thema Fitness im Alter geht es schnell um Defizite: Was geht nicht mehr? Was wird schwieriger? Was nimmt mit zunehmendem Alter ab?
Der Alltags-Fitness-Test eröffnet noch eine andere Perspektive.
Er macht vorhandene körperliche Ressourcen sichtbar und zeigt gleichzeitig Bereiche, in denen Training sinnvoll sein kann. Der DOSB versteht ihn ausdrücklich als Instrument zur Einschätzung alltagsrelevanter Fitness älterer Menschen.
Und körperliche Fähigkeiten sind trainierbar.
Deshalb lautet die interessantere Frage nicht nur:
„Wie fit bin ich für mein Alter?“
Sondern:
„Was kann ich heute tun, damit mir meine körperlichen Ressourcen möglichst lange zur Verfügung stehen?“
Vom Testtag zur Gesundheitsentwicklung
Heute fand dieser Prozess im Gesundheitssport beim TSV Victoria Linden in Hannover statt.
Die dahinterliegende Arbeitsweise reicht für mich aber weiter als dieser Testtag:
Standort bestimmen. Zusammenhänge verstehen. Ressourcen erkennen. Ziele entwickeln. Handeln. Und später erneut hinschauen.
So entsteht Gesundheitsentwicklung.
Im Präventionskurs. Im Gesundheitssport. Und – mit jeweils anderen Analyseinstrumenten, Fragestellungen und Rahmenbedingungen – auch in meiner Arbeit mit Organisationen und Unternehmen.
Nicht jede Veränderung beginnt mit einer fertigen Lösung.
Manchmal ist die entscheidende Frage zunächst: Wo stehen wir eigentlich gerade?
Gesundheit lässt sich entwickeln.
Ob Präventionskurs, Gesundheitssport oder Gesundheitsförderung im Unternehmen: Am Anfang steht die Frage, was bereits vorhanden ist und wo Entwicklung sinnvoll ist.
Anmeldung: Aktuelle Präventionskurse in Hannover und Seelze ab September 2026





