Resilient sein heißt nicht, alles aushalten zu müssen.
Nicht jede Belastung lässt sich wegdenken. Nicht jede schwierige Situation können wir allein verändern. Und Resilienz bedeutet nicht, immer stark zu sein oder möglichst schnell wieder zu funktionieren.
Mich interessiert deshalb eine andere Frage:
Was hilft Menschen, mit Belastungen umzugehen, ihre eigenen Ressourcen zu nutzen und handlungsfähig zu bleiben oder wieder zu werden?
Die Resilienzforschung zeigt: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Resilienz wird heute zunehmend als dynamischer Anpassungsprozess verstanden. Sie ist keine unveränderliche Eigenschaft, die ein Mensch besitzt oder eben nicht besitzt.
Persönliche Fähigkeiten spielen eine Rolle. Aber ebenso soziale Beziehungen und die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten.
Was stärkt uns?
Menschen bringen unterschiedliche Erfahrungen, Fähigkeiten und Ressourcen mit.
Dazu gehört zum Beispiel Selbstwirksamkeit: die Erfahrung, Herausforderungen beeinflussen und selbst etwas bewirken zu können. Auch Wissen, Bewältigungsstrategien, körperliche Ressourcen und die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse und Belastungsgrenzen wahrzunehmen, können eine Rolle spielen.
Für mich gehört deshalb auch der Körper in die Auseinandersetzung mit Resilienz.
Bewegung, Körperwahrnehmung, Entspannung und Regeneration stehen nicht getrennt neben psychischen und sozialen Prozessen. Gesundheit entsteht im Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren.
Aus meiner physiotherapeutischen und gesundheitsfördernden Arbeit kenne ich deshalb immer wieder dieselben Fragen:
Was nehme ich wahr? Was verstehe ich darüber? Und was kann ich daraus für mein Handeln ableiten?
Wahrnehmen. Verstehen. Handeln.
Selbstwirksamkeit heißt nicht: Ich muss alles allein schaffen
Dieser Unterschied ist wichtig.
Selbstwirksamkeit bedeutet nicht, für jede Belastung selbst verantwortlich zu sein oder jedes Problem aus eigener Kraft lösen zu müssen.
Handlungsfähigkeit kann auch heißen, Unterstützung zu suchen. Eine Grenze zu setzen. Eine Situation neu zu bewerten. Hilfe anzunehmen. Oder zu erkennen: Nicht ich muss mich weiter anpassen – die Bedingungen müssen sich verändern.
Gerade deshalb gehört die soziale Ebene für mich unbedingt zu Resilienz.
Menschen brauchen andere Menschen.
Soziale Unterstützung ist eine wichtige Gesundheitsressource. Beziehungen können Rückhalt geben, neue Perspektiven eröffnen und bei der Bewältigung von Belastungen unterstützen. Auch das Robert Koch-Institut beschreibt soziale Unterstützung als bedeutsame psychosoziale Ressource für Gesundheit. Robert Koch-Institut
Resilienz ist keine Anpassungsleistung an schlechte Bedingungen
Das gilt im privaten Leben ebenso wie in der Arbeitswelt.
Arbeitsorganisation, Führung, Handlungsspielräume, Arbeitszeit, soziale Beziehungen oder finanzielle und gesellschaftliche Bedingungen verschwinden nicht dadurch, dass ein Mensch an seiner persönlichen Resilienz arbeitet.
Genau hier wird ein ausschließlich individuelles Resilienzverständnis problematisch:
Menschen dürfen nicht dafür trainiert werden, ungesunde Bedingungen besser auszuhalten.
Gesundheitsförderung muss deshalb beide Seiten betrachten: persönliche Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten und die Verhältnisse, in denen Menschen leben und arbeiten.
Das Robert Koch-Institut beschreibt Gesundheitsförderung genau in diesem Zusammenhang: Menschen sollen zu mehr Selbstbestimmung über ihre Gesundheit befähigt werden. Gleichzeitig müssen gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Lebenswelten gesundheitsförderlich gestaltet werden. Robert Koch-Institut
Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht Gesundheitsförderung als einen Prozess, der Menschen mehr Einfluss auf ihre Gesundheit ermöglicht – und dabei persönliche Fähigkeiten ebenso wie soziale und gesellschaftliche Bedingungen berücksichtigt. Weltgesundheitsorganisation
Das entspricht meinem Verständnis von bio-psycho-sozialer Gesundheitsförderung.
Kann man Resilienz trainieren?
Auch hier lohnt sich ein genauer Blick.
Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass Interventionen zur Resilienzförderung positive Effekte haben können. Verschiedene Ansätze beschäftigen sich beispielsweise mit Stressbewältigung, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Problemlösefähigkeiten oder anderen persönlichen Ressourcen.
Die Ergebnisse sind jedoch unterschiedlich. Programme, Zielgruppen und Messverfahren unterscheiden sich erheblich, und die langfristigen Wirkungen sind nicht für alle Ansätze ausreichend geklärt.
Deshalb wäre die Aussage „Ein Resilienztraining macht resilient“ zu einfach.
Bestimmte Fähigkeiten und Ressourcen lassen sich entwickeln und fördern. Resilienz selbst bleibt aber abhängig von der Situation, den verfügbaren Ressourcen, sozialen Beziehungen und äußeren Bedingungen.
Was kann ich beeinflussen – und was muss sich verändern?
Damit komme ich wieder zu drei einfachen Worten:
Wahrnehmen. Verstehen. Handeln.
Was belastet mich?
Was stärkt mich?
Welche Ressourcen habe ich bereits?
Was kann ich selbst beeinflussen?
Wo brauche ich andere Menschen?
Wo brauche ich Unterstützung?
Und welche Bedingungen müssen sich verändern?
Diese Fragen sind für mich interessanter als die Aufforderung, einfach „resilienter“ zu werden.
Denn Resilienz bedeutet nicht, jede Belastung auszuhalten.
Sie bedeutet auch, Handlungsmöglichkeiten zu erkennen – und zu wissen, wann etwas verändert werden muss.

